Die Kinder von Steung Meanchey

Der Regen in der Nacht zuvor hat die holprige Strasse aufgeweicht. In den Bodendellen, welche die hier normalerweise verkehrenden Lastwagen hinterlassen, haben sich grosse, dreckige Pfützen gebildet. Auf einer ersten Anhöhe, ein paar Meter neben der Strasse, kauern behelfsmässig zusammengeflickte Behausungen auf einer Krete, mehr Zelte denn Häuser. Ein paar Hundert Meter weiter vorne ist die Strasse bereits zu Ende, wir stoppen den Wagen direkt neben einer Garküche und steigen aus. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten trage ich wieder Gummistiefel. Der Fahrer hat es mir empfohlen.

Eben noch haben wir uns vom dichten Verkehr die Hauptstrasse nach Süden hinuntertreiben lassen, jetzt ist rund um uns herum plötzlich nichts mehr – ausser Dreck, Müll, Abfall. Und Hunderte Menschen, die hier leben, schlafen, essen und täglich ein Auskommen suchen, indem sie den Müll nach Wiederverwertbarem durchsuchen. Willkommen in Steung Meanchey , der riesigen Mülldeponie der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh.Kein schöner Land 

Es verschlägt mir augenblicklich die Sprache. Nicht wegen des Anblicks dieser unglaublichen Mengen an Abfall. So etwas kenne ich irgendwie schon, von Fotos, aus Fernsehdokumentationen oder Zeitschriften. Auch nicht wegen dem unbeschreiblichen Gestank von Müll, Fäkalien und Fäulnis, der einem hier unweigerlich in die Nase steigt und den ich auch Stunden später, als ich längst wieder zurück in meinem Hotel bin, zu riechen glaube. Es verschlägt mir die Sprache beim Anblick von zwei kleinen Kindern, vielleicht drei Jahre alt, die praktisch nackt mitten im Abfall auf einem ausgedienten Sofa sitzen. Um sie herum, nein, unter ihnen Millionen Tonnen von Abfall aller Art. Plastik, Metall, Lebensmittel, Stofffetzen. Aber auch medizinische Abfälle wie gebrauchte Spritzen und Körperteile, wie mir Annabel erzählt. «Werden die in den Spitälern denn nicht ordentlich entsorgt, verbrannt?» frage ich sie. «Das wäre zu teuer» antwortet sie knapp und ruhig, aber mit einem Hauch von Wut und Verzweiflung in der Stimme.

 

Zwei kleine Kinder sitzen auf Säcken mit Abfall mitten in der Steung Meanchey Mülldeponie. 

In diesem Augenblick fährt ein kleiner Laster vor und lädt seine Ladung Fäkalien ab. Die Menschen, die just an diesem Ort eben noch nach Brauchbarem gesucht haben, müssen sich wohl oder übel einen anderen Platz suchen. Ein Junge stapft, mit Sandalen an den Füssen, einem leeren Sack über der Schulter und einem Stock in der Hand, durch den aufgeweichten Dreck an uns vorbei – ich traue mich, trotz Gummistiefeln, kaum vom Wagen weg. Hier kommen sie also her, die Kinder von Steung Meanchey, dem giftigsten Ort, an dem ich wohl jemals war.

Mein erster Besuch auf Steung Meanchey fand im November 2007 mit Annabel und Lauren, zwei Mitarbeiterinnen des Cambodia Childrens Fund (CCF), statt. Dieser Besuch war nicht nur für mich und das Projekt basmati – authentic help ein Schlüsselerlebnis, sondern auch für viele andere Menschen: Scott Neeson (Cambodian Childrens Fund), Nader Ebrahimi (Aziza’s Place), Sam Pehlke (Chibodia)*0. Viele der Kinder, die beispielsweise bei Aziza’s Place unterkommen, stammen von hier, haben hier ihre Familien und oftmals auch immer noch ihr Zuhause. Viele Kinder verlassen am Wochenende die sicheren und sauberen Einrichtungen der Schul- und Kinderheime, um auf dieser Müllhalde, bei den Eltern und den Geschwistern, zu schlafen.

Thy und die alte Kreidetafel

Wir wollen gerade gehen, als Annabel einen Vater von zwei kleinen Jungen entdeckt, die beim CCF zur Schule gehen. Der Mann kommt etwas verlegen auf uns zu. Ein unsicheres Lachen zeichnet sein Gesicht, krampfhaft hält er seine Mütze vor seinem Körper und deutet eine Verbeugung an, als Zeichen des Respekts – wohl aber auch des Dankes. Es ist ihm wohl bewusst, dass seine beiden Söhne ihn und die ganze restliche Familie eines Tages vielleicht aus diesem Elend, aus dieser Armut befreien können. 

Eine Stunde zuvor hab ich die beiden Jungen die Schulbank drücken sehen. Zusammen mit den anderen Schülern verfolgten sie konzentriert den Englisch-Unterricht. Die Kinder lieben das Lernen. Selbst im Alter von sieben Jahren erkennen Sie, dass sie hier ihre vermutlich einzige Chance bekommen, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen. «Manche sind so verrückt aufs Lernen, dass sie gar nicht mehr nach Hause wollen, auch wenn längst die Glocke geläutet hat», erzählt mir Lauren. Das führt dann unweigerlich zu Geschichten wie der von Srey Thy, die einst als 12-jähriges Mädchen zum Cambodian Children's Fund kam, nachdem sie ihre Mutter vernachlässigt hatte. Thy ging abends jeweils nach Hause, um bei der Tante zu schlafen. Was man beim CCF vorerst nicht wusste, war, dass Thy in Steung Meanchey mithilfe einer alten Kreidetafel andere Kinder in Englisch unterrichtete. «Aufgeflogen» war die Sache, als Thy im CCF-Zentrum nach Kerzen fragte. Unterdessen war es abends nämlich jeweils so dunkel geworden, dass sie ohne Licht nicht mehr hätte unterrichten können.

Kambodscha – das zerrissene Land 

Vier von sieben Geschwister in einer Siedlung neben der Steung Meanchey Mülldeponie.

Auf dem Weg zurück ins Stadtzentrum zeigt sich auf den Strassen, welche grosser Graben in Kambodscha – mehr als in fast jedem anderen südostasiatischen Land – zwischen reich und arm klafft.*2 Den vielen verwahrlosten und hungrigen Frauen und bettelnden Kinder, stehen die wenigen gegenüber, die es zu enormen Wohlstand gebracht haben und diesen nun beispielsweise mit ihren Luxuslimousinen mit getönten Scheiben auf geradezu obszöne Art und Weise zur Schau stellen. Die Gesellschaft, die sich in den ruhigen Jahren seit den freien Wahlen von 1993 entwickelt hat*3, kennt nur wenige Gewinner – dafür umso mehr Verlierer. Dies nicht zuletzt auch, weil Kambodscha noch nicht wiedergefunden hat, was es in den langen Jahren des Bürgerkriegs beinahe vollständig verloren hat und das eine Nation erst ausmacht: die Solidarität im Volk. Das menschenverachtende Regime der Steinzeit-Kommunisten Khmer Rouge zerstörte das Gemeinschaftsgefühl schliesslich vollends. Wen wundert es also, dass in Kambodscha die Korruption in voller Blüte steht.

Lehrer, die in der Stadt zwar eine Anstellung finden, dafür aber miserabel entlöhnt werden, lassen sich von den Schülern zusätzlich bezahlen. Der Artikel 26 der Menschenrechte , der ein Recht auf Bildung und einen kostenlosen Grundschulunterricht garantiert, wird hier zur Makulatur. 

Die junge Generation Kambodschaner beim Unterricht zu sehen, macht allerdings Hoffnung*4. Diese Kinder wissen nicht nur, dass eine gute (Aus-)Bildung der Schlüssel ist, um den Kreislauf der Armut zu durchbrechen, in dem die eigene Familie seit Jahrzehnten gefangen ist. Sie haben auch das Bedürfnis, den Menschen etwas zurückzugeben. Viele der Kinder, die ich in Kinderheimen in Phnom Penh getroffen habe, wollen Lehrer oder Krankenschwester werden. Das liegt freilich nahe, denn diese Berufsbilder erleben die Kinder am unmittelbarsten – in der Schule im Unterricht oder auf den Krankenstationen, die oft ein Teil der Kinderheime sind. «Wir laden deshalb immer wieder Menschen ein, die etwas über ihre Arbeit erzählen, um den Kindern weitere Möglichkeiten aufzuzeigen», erzählt Annabel. Eben erst war ein Journalist des Cambodian Daily zu Gast, der über verschiedene Textsorten referierte – etwa über den Unterschied zwischen einem Zeitungsartikel und einer einfachen Geschichte. Dieses Grundverständnis mag uns im Westen gegeben sein; nicht so in einem Land, wo es mit der Pressefreiheit noch nicht allzu lange her ist und Journalist immer noch als unter Umständen lebensgefährlicher Beruf eingestuft werden muss.

Nicht immer kommt der Input allerdings von den Projekt-Verantwortlichen selber. «Eine riesige Überraschung» sei es beispielsweise gewesen, erzählt Annabel, als einmal einer der Jungen auf sie zukam «und verkündete, er wolle Forstwart werden. Danach suchten wir eben Leute, die unseren Kindern etwas zum Thema Natur und Umwelt erzählen können.»*5 

Der Kreis schliesst sich

Um den Menschen von Steung Meanchey zu helfen, ist die Ausbildung der Kinder natürlich nur ein Schritt. Das im November 2007 eröffnete «Steung Meanchey Community Center & Daycare» des CCF beispielsweise, oder auch die im August 2008 in Betrieb genommene Motomedix Clinic*6 sind Teil der unerschöpflichen Anstrengungen der Projektverantwortlichen. In Gemeinschaftszentren finden auch die Erwachsenen Hilfe und Informationen, wenn sie sie brauchen: Es werden Kurse zu Hygiene und Mutterschaft angeboten, aber auch solche zu alltäglichen  Rechts- und Finanzangelegenheiten. Die Krankenstation bietet erste Hilfe, es gibt sauberes Trinkwasser und anständiges Essen (gegen eine geringe Bezahlung – «Die Dinge müssen trotz allem etwas kosten, damit die Menschen auch ihren Wert erkennen» erklärt Annabel). Und es gibt eine Tagesstätte für Kleinkinder, in der die jungen Frauen arbeiten können, die beim CCF zu Kleinkinderbetreuerinnen ausgebildet wurden.

Im Sommer 2009 wurde die Halde allerdings geschlossen.


0 Vgl. dazu unsere Projektseiten Aziza’s Place und Chibodia (bzw. Motomedix).

2 Nach dem Uno-Index der Sicherheit der Grundbedürfnisse lebt die Hälfte der kambodschanischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze von 2 US-$ pro Tag, davon wiederum 80% in der ländlichen Subsistenzwirtschaft von Reisanbau und Fischerei. Als eine der ärmsten Nationen der Welt mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 300 US-$ steht Kambodscha auf einer Stufe mit den Armutsländern Afrikas. [Quelle: Roland Dusik, Dumont Reiseverlag] 

3 Nach dem Abzug der vietnamesischen Besatzungsarmee 1989 wurde ein vom UNO-Sicherheitsheitsrat erarbeitetes Friedensabkommen in Kraft gesetzt, welches de facto die Bildung einer Allparteienregierung der nationalen Aussöhnung unter der Präsidentschaft von Prinz Sihanouk vorsah. Gleichzeitig sollte eine UNO-Übergangsbehörde für 18 Monate die Verwaltung des Landes übernehmen. An den im Mai 1993 stattfindenden ersten freien Wahlen nahmen 90% der Wahlberechtigten teil. Wegen des nicht eindeutigen Wahlergebnisses drohte das Land jedoch erneut an den Rand eines Bürgerkriegs zu geraten. Den Konflikt zu lösen gelang Norodom Sihanouk , der bei allen politischen Parteien Respekt genoss, auf salomonische Weise. Der mittlerweile zum König ernannte Sihanouk entschied nicht nur, dass Kambodscha zwei Premiers bekommen soll, sondern besetzte auch alle Ministerien und Verwaltungsposten bis hinunter auf die kommunale Ebene paritätisch. Dies jedoch leistete der ohnehin grassierenden Korruption weiteren Vorschub, denn nun mussten vor Vertragsabschlüssen zwei Beamte geschmiert werden [Quelle: Roland Dusik, Dumont Reiseverlag]

4 Da sich der Unterricht in Kinderheimen als Ergänzung zum öffentlichen Schulsystem versteht, kann an Schul- und Bildungsprojekten nur teilnehmen, wer auch im schulpflichten Alter (7 Jahre) ist. Die Hauptunterrichtsfächer sind Lesen und Schreiben (Khmer), Rechnen, Englisch, Tanz, Theater und Sport – aber auch Chinesisch, Filmfach oder computerbezogene Fächer wie Programmierung, Fotobearbeitung etc.

5 RDIC (Resource Development International – Cambodia) gibt Kurse über eine effiziente Bewirtschaftung und Verwaltung von landwirtschaftlichen Resourcen, von denen nicht nur die Jugendlichen profitieren, sondern auch deren Eltern.

6 Was 2007 noch ein einfacher, wöchentlicher Besuch mit einem Motorrad und ein paar medizinischen Utensilien war, hat sich mittlerweile zu einem veritablen Klinik-Projekt mit drei Standorten ausgewachsen (Stand Juli 2010).

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